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zwei U3 Kinder

Der Übergang von der Kita in die Grundschule - international

Julia Plachecka

13.05.2012 Kommentare (0)

Den folgenden Beitrag übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem Begleitheft "Kinder in Europa" der Zeitschrift Betrifft Kinder.

Begeisterung zum Blühen bringen

Ein Projekt im Rahmen des Grundtvig Programms der EU führte fünf Länder zusammen. Julia Plachecka aus Warschau berichtet über die Erfahrungen auf dem Weg zu sanften Übergängen und wie dieses Ziel auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden kann.

Befragt man beliebig Erwachsene über ihren ersten Schultag, ist man überrascht. Nahezu alle erinnern sich an den Tag, an dem aus ihnen Schüler wurden. Mehr noch, die Gefühle von damals beeinflussen noch heute ihr Verhalten in neuen Situationen, ihre Stressreaktion und ihre Ängste.

Gute Erfahrungen beim Schuleintritt haben sich als überaus wichtig für den gesamten Bildungserfolg erwiesen. Ein sanfter Übergang von der Familie, der Vorschule oder dem Kindergarten in die Grundschule bedarf der Beteiligung von Lehrern und Eltern und einer gehörigen Portion Beachtung der Gefühle des Kindes. Gerade Letzteres erscheint schwierig. Der Stress der ersten Schultage rührt aus den eigenen Ängsten von Eltern hinsichtlich eigener Schulerfahrungen und aus der Unsicherheit, das eigene Kind in eine neue, fremde Umgebung zu geben. Häufig hängt das Wohlbefinden des Kindes davon ab, ob Eltern ihren Gefühlen gegenüber der Schule freien Lauf lassen oder nicht.

Wichtig ist der Aufbau einer Partnerschaft zwischen Eltern und Schule, noch bevor es für das Kind richtig losgeht. Besucht das Kind eine vorschulische Einrichtung, sollten auch die Institutionen zusammen arbeiten. Eine Eltern-Lehrer- und eine Erzieher-Lehrer-Partnerschaft ist nicht einfach zu erreichen. 

Im Bewusstsein dieser Faktoren beschlossen im Jahr 2006  fünf Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) aus Polen, Griechenland, Nordirland, Tschechien und Slowakei[1] eine gemeinsame Fortbildungsplattform für Eltern, Lehrkräfte und Vorschulpädagogen zu entwickeln. Als das  Grundtvig-Partnership-Projekt[2]  begann, entdeckten wir nicht nur zahllose Unterschiede in den Bildungssystemen, sondern auch in unseren Erwartungen an das Projekt selbst. Jede der teilnehmenden Organisationen besaß bereits eigene Erfahrungen mit der Einführung und Umsetzung von Programmen. Doch Dank genau dieser Unterschiedlichkeit und Vielfalt konnten wir ein Programm entwickeln, das auf die jeweiligen Zielgruppen zugeschnitten werden konnte. 

Das Projekt „Eltern-Lehrer-Partnerschaft für den Übergang von Kindern zur Schule“ befähigte uns, Probleme und Stärken der Übergänge in den Teilnehmerländern zu erkennen. Im Ergebnis stand ein Fortbildungsrahmen für alle und differenzierten Ausarbeitungen einschließlich Materialien und Begleitheften für Eltern und Lehrkräfte in jedem einzelnen Land.

Forschungsergebnisse über die Erfahrungen von Kindern, Eltern und Lehrern beim Übergang in die Schule zeigten große Ähnlichkeiten zwischen den Ländern, trotz unterschiedlicher Schulsysteme. Deutlichst stellte sich heraus, dass Eltern und Lehrkräfte zu wenig oder gar nicht miteinander kommunizierten bzw. nur bei Problemen mit dem Verhalten von Kindern.

Noch interessanter waren die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit Kindern. In allen Ländern betonten die Kinder, wie wertvoll ihnen die Unterstützung durch Freunde oder Geschwister im Übergangsprozess war, zusätzlich zu Eltern und Lehrern. Kinder setzten Schule mit Großwerden und wirklich ernsten, erwachsenen Angelegenheiten gleich. Der bloße Gedanke an Schule erfüllte sie positiv; das Warten auf den ersten Schultag fiel ihnen schwer. Sie übernahmen wohl auch das Vokabular ihrer Eltern – z.B. für die Wichtigkeit guten Verhaltens und guter Noten.

In allen Teilnehmerländern gingen die Eltern von der Erwartung aus, Schule diene vor allem der Vermittlung von Wissen. Folglich achteten sie vorrangig auf die akademischen Kenntnisse ihrer Kinder und weniger auf die mit dem Schulstart verbundenen Gefühle. Bei manchen sprang ihr Stress auf die gesamte Familie über. Eltern und Kinder drückten ihr Bedürfnis nach Kontakten und Unterstützung durch die Schule aus.

Auf diesem Wissenshintergrund führten wir ein Trainingsprogramm ein. Insgesamt waren 315 Teilnehmer in 12 Kursen dabei, die von 10 Trainern an 12 Orten europaweit durchgeführt wurden. Alles wurde auf der Grundlage der Erfahrungen der Trainer und des Feedbacks der Teilnehmer ausgewertet und überarbeitet.

In Polen wurden die Pilotveranstaltungen von der Comenius-Stiftung organisiert. Vier vierstündige Treffen fanden in zwei Warschauer Bezirken (?oliborz and Bielany) und in der Landgemeinde Jednoro?ec statt. Es nahmen 52 lernende Menschen teil: 33 Lehrkräfte (7 Grundschullehrer und 26 Vorschullehrer), 17 Eltern, ein Schulpädagoge und ein Psychologe für die Vorschule.

Auf der Grundlage des polnischen Trainingsprogramms entwickelten die teilnehmenden Grundschulen verschiedene speziell auf den Übergangsprozess ausgerichtete Aktivitäten. In der ländlichen Gemeinde Jednoro?ec entstand ein Projekt mit dem Schwerpunkt Bewegung und Spiel, denn die dortige Schule hat keine Turnhalle und keinen Platz für Bewegung. Die Besonderheit dieser Gruppe war, dass sie mehrheitlich aus Eltern bestand. Sie organisierten auch einen eintägigen Ausflug der Vorschulkinder in die Grundschule zusammen mit Lehrkräften und Kindern. Gemeinsam gingen sie auf Schatzsuche im Schulgebäude. Und in einem zweiten Projekt bauten Eltern Garderoben für die Klassenzimmer.

Die Warschauer Grundschule Nr. 80 hatte bereits eine enge Kommunikation zu Kindern und Eltern. Was sie noch brauchten, waren bessere Verbindungen zu den Vorschuleinrichtungen der Umgebung. Vor allem die Vorschullehrerinnen wollten regelmäßige Treffen (auch mit Eltern), um die Anforderungen der Schule zu klären.

Für die Warschauer Grundschule Nr. 65 war die Idee eines sanften Übergangs mit der Zusammenarbeit von Schule, Vorschule und Familie noch neu. Die Lehrkräfte bereiteten ihr eigenes Übergangsprogramm vor, in dem die künftigen Schulanfänger von März an jeden Samstag zur Schule kamen, um sich an die Anforderungen zu gewöhnen, ihre Klassenkameraden und das Gebäude kennenzulernen.

Gegen Ende des Gesamtprojekts wurde die europäische „Ideenbank für Übergänge“ gegründet. Die polnischen Teilnehmer erfanden ein Portfolio, das mit den Kindern mitgehen soll (sofern die Eltern einwilligen), mit Informationen über ihre Vorlieben und Abneigungen, Allergien, Lieblingsspielzeuge und Freizeitaktivitäten. Aus Irland kommt der Vorschlag, dass die Schüler der ersten Klasse ein Buch mit Tipps und Ratschlägen für ihre Nachfolger zusammenstellen; auch sollen die Grundschullehrer zu Beginn des Schuljahres Hausbesuche machen. Die Griechen legen Wert auf Aktivitäten und Spiele, mit denen die Kinder einander besser kennenlernen. Slowakische Teilnehmer sehen informelle Gespräche zwischen Lehrern und Schülern zu Wochenbeginn als hilfreich an. Eine der tschechischen Gruppen kam auf die Idee, die Erstklässler in die Kindergärten gehen zu lassen, um zu erzählen, was sie gelernt hätten und wie sich Kindergarten und Schule unterscheiden.

Das wichtigste Ergebnis für die polnische Seite waren wohl zwei Erkenntnisse aus den Seminaren. Zwar sind sie recht simpel, doch unverzichtbar um das Wesen des Übergangs zur Schule zu verstehen. Erstens: Es ist das gleiche Kind, das die Vorschule verlässt und danach die Schule besucht! Es hat bereits seine eigene Lebensgeschichte und eigene Erfahrungen erworben, so wie Eltern auch. Beides kann miteinander verbunden werden, und das Elternwissen kann eine Quelle für die Kinder sein.

Zweitens: Übergänge gehören zu unserem Leben. Unsere Kinder müssen flexibel sein und sich an Veränderungen anpassen können. Das Geringste, was wir tun können, ist, sie auf den wohl wichtigsten Übergang ihres Bildungslebens vorzubereiten. Auch müssen wir daran denken, dass Begeisterung Kindern viel näher liegt als Angst. Die Begeisterung zum Blühen zu bringen, ist unsere größte Aufgabe als Lehrer und Eltern.

 

Julia Plachecka arbeitet bei der Comenius-Stiftung für die Entwicklung des Kindes  in Warschau (Polen); Kontakt: jplachecka@frd.org.pl

Anhang 1: „Eltern-Lehrer Partnerschaft beim Übergang von Kindern zur Grundschule”: Grundschemata der Trainingsprogramme

 

Land

Vorbereitungs-treffen

Arbeitsmethoden

Alter der Kinder

Beteiligte Institutionen

Griechen-land

2 x 2 Std.

Erfahrungstechniken, Diskussion, Gruppenarbeit,Projektarbeit, Evaluation (mit Fragebögen, Beobachtungen, Protokollen), Handlungsauswertungen, Einführung veränderter Praxis, Gebrauch und Analyse audiovisullen Materials

2,5 - 3,5

Gemeindevorschulen

1 x 3 Std.

Seminare, Diskussion, Gruppenarbeit

2,5 - 6

Öffentliche Kindergärten Gemeindevorschulen

Universität

Slowakei

1x 1 Std.

Workshop-Methoden, moderierte Diskussion, Materialanalysen, Kleingruppenarbeit

5,6,7

Öffentl. Kindergärten, staatl. Grundschulen

Tsche-chische  Republik

3x2 Std.

Workshop-Methoden, moderierte Diskussion, Materialanalysen, Elemente der Projekt, Kleingruppenarbeit etc.

5-6

Gemeindekinder-gärten

Öffentl. Grundschulen

Nordirland (UK)

2 x 2 Std.

Klein- und Großgruppendiskussionen, Forschungsanalysen, Workshop-Methoden, Handlungsplanung, Besuche Guter Praxis, audiovisuelle Techniken

3-4

Staatl. Kindergärten freie Spielgruppen örtlicher Bildungsbehörden, freiwillige Organisationen früher Kindheit

Polen

2x3 Std.

Workshop-Methoden, moderierte Diskussion, Materialanalysen, Elemente der Projektarbeit, Kleingruppenarbeit etc.

5-6

Öffentl.  und private Kindergärten, Gemeindevorschulen  Öffentl. Grundschulen

 



[1]               Die Comenius Stiftung für die Entwicklung des Kindes  koordinierte das Projekt: www.frd.org.pl;  Griechenland: www.eadap.gr/en/index.php; Nordirland: www.early-years.org; Tschechien:  http://www.sweb.cz/omep; Slowakei:www.materskecentra.sk

[2]             Das Grundtvig-Partnership-Programm wurde im Grundtvig Programm als Teil von Socrates, Socrates II und des Programms für lebenslanges Lernen entwickelt. Seit 1994 unterstützt die Europäische Kommission den Austausch und die Mobilität von pädagogischem Personal.

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