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mehrere Kinder

Ein bisschen Bollerwagen ziehen kann doch jede

Susanne Hartmann

15.01.2013 Kommentare (1)

Zu den teilweise kuriosen Vorschlägen zur Gewinnung von ErzieherInnen nimmt die Autorin pointiert Stellung. Wir übernehmen den Beitrag mit freundlicher Genehmigung aus dem neuen Heft von Welt des Kindes.

Ein bisschen Bollerwagen ziehen kann doch jede.
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Kommentare (1)

Ekkehard Grundmann 16 Januar 2013, 16:19

Sehr geehrte Frau Hartmann,

bei allem Verständnis für die absolut nachvollziehbaren Positionen geizt Ihr Artikel ja nicht gerade mit einer gewissen Polemik. Die Polemik aber ist es letztlich, welche die absolut notwendige Debatte um den beruflichen Quereinstieg und den eklatanten Erzieher/innenmangel bisher maßgeblich beherrscht und die Positionen verhärtet hat. Der Begriff „Schlecker Frauen“ ist hier nur ein Beispiel für eine despektierliche Art und Weise des Ausdrucks, wo manchmal vergessen wird, dass es sich um anständige, berufstätige Menschen handelt. Der begriffliche Einwurf von BM Ursula van der Leyen war an Dummheit sicherlich nicht zu überbieten, allerdings sollte man sich fragen, inwieweit sich dieser Begriff weiter als Kampfbegriff instrumentalisieren lässt um damit die wichtige Qualität in der frühkindlichen Pädagogik zu untermauern. Sicherlich - und da gebe ich Ihnen völlig recht - ist es höchst bedauerlich, dass die Säule Bildung der integrierten Trias heutzutage nach wie vor verteidigt werden muss und demzufolge für viele Debattenteilnehmer/innen noch keine Selbstverständlichkeit darstellt. Die Vorurteile gegenüber des Erzieher/innen- Berufs (bisschen Bollerwagen, bisschen Förmchen und Sandkasten...) sind nicht nur ehrverletzend für alle qualifizierten Akteure in diesem Berufsbild, vielmehr zeigt es den immer noch mangelhaften Stellenwert frühkindlicher Bildung auf. Dies ist sehr anschaulich am Beispiel des Schuhebindens von Ihnen verdeutlicht. Wenn heutzutage die mangelnde Ausbildungsreife und Anstrengungsbereitschaft von Schüler/innen und Auszubildenden bemängelt wird, suchen zu wenige die Ursachen/Chancen in der frühkindlichen Bildungsarbeit.

Ihr Vergleich mit anderen Quereinstiegs- und Umschulungsmodellen für den Fachkräftemangel in der IT- Branche oder im Hausärztebereich hinkt allerdings ein wenig. Dass die Pädagogen ab der Grundschule einen akademischen Hintergrund haben müssen, sollte in diesem Kontext nicht abgewertet werden, insbesondere da Sie für den vorschulischen Bereich eine akademisierte Berufsbildung einfordern. In allen Berufen beginnt die maßgebliche Professionalisierung im erlernten Beruf mit dem ersten Arbeitstag als Fachkraft nach der Ausbildung sowie der entsprechend übertragenen Verantwortung. Potenzial und Kompetenzen entfalten sich in der Regel an den realen praktischen Anforderungen in der neuen beruflichen Rolle. Nirgendwo ist bereits ein Meister vom Himmel gefallen. Bezogen auf den beruflichen Quereinstieg im Erzieher/innen- Beruf möchte ich anmerken, dass zumindest in Berlin eine Quereinsteiger Quote von 20% in den Kitas nicht überschritten werden darf, in Ausnahmefällen bei besonderem Kitaprofil kann die Quote auch bei 30% liegen. Das bedeutet, dass die Gewährleistung fachlicher Standards hierdurch bereits gesichert wird/werden soll.

Der berufliche Quereinstieg kann für die frühpädagogische Arbeit aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet auch sehr fruchtbar sein. Die Berufswahlentscheidungen der Aspiranten sind in der Regel wohl durchdacht und lange haltbar, dies ist bei jungen Erzieher/innen am Anfang ihrer Erwerbsbiographie nicht immer der Fall, eine hohe Fluktuation von Personal ist ebenso sehr aufwändig und diskontinuierlich. Die mannigfaltigen Lebens- und Berufserfahrungen der Quereinsteiger/innen können aber eine große Bereicherung sein für die Kinder und die Arbeit in der frühkindlichen Bildungsarbeit. Darüber hinaus bietet der berufliche Quereinstieg in den Erzieher/innen- Beruf große Möglichkeiten, mehr Männer für die frühkindliche Bildungsarbeit zu gewinnen. Der immer noch überwiegend dominierende weibliche Anteil des Erzieher/innen- Personals zieht sich bis zur Sekundarstufe in den Schulen und ist im entwicklungspsychologischen Kontext der Geschlechtsrollenidentifikation und ihrer Entwicklung für die Kinder bisher nie oder nur wenn nur sporadisch als zu behebendes Problem gesehen worden.

Fakt ist - und da stimme ich in der Intention Ihres Artikels mit Ihnen völlig überein - dass die sich Anforderungen für den beruflichen Quereinstieg in keinster Weise nach unten nivellieren dürfen. Vielmehr müssen Träger der beruflichen Fort- und Weiterbildung sowie die Kostenträger wie beispielsweise die Agentur für Arbeit qualitativ anziehen und den Dialog mit den fachkundigen Stellen sowie der pädagogischen Fachwelt beteiligend und transparent aufsuchen und pflegen. Die reine QM Zertifizierung eines Bildungsträgers reicht da bei weitem nicht aus. Bildungsträger sollten ihre Quereinstiegsangebote beispielsweise auch aus der pädagogischen Fachwelt begutachten lassen.

Es gibt viele Menschen, die nach einem sinnvollen Beruf suchen und im beruflichen Quereinstieg zu Erzieher/in diesbezüglich eine große Möglichkeit sehen. Ob ehemalige Bankmitarbeiter/innen, Manager/innen, Schiffskapitäne, Verkäufer/innen oder Bauern, sie alle haben durch ihren bisherigen beruflichen Weg und die Umorientierung wesentliche Erfahrungen im Meistern von Krisen beruflicher wie auch privater Natur. Diese gesammelten Lebenserfahrungen- und Kompetenzen können im Rahmen einer fundierten beruflichen Weiterbildung/Umschulung gebündelt werden und dem pädagogischen Arbeitsfeld zugänglich gemacht werden. Das Niveau der Ausbildung muss aber weiter gehalten und gesteigert werden und darf nicht aufgrund verfehlter Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik aufgeweicht werden. Vielen Dank für Ihren Artikel, ich hoffe, die einzelnen „Lager“ begegnen sich auf einer fruchtbaren Ebene jenseits von richtig und falsch, sondern dort, wo das erzieherische Wohl der Kinder am breitesten erfüllt werden kann.

Ekkehard Grundmann
pro futura Bildung & soziale Dienste, Berlin

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