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mehrere Kinder

Engpass beim Personal

Kirsten Fuchs-Rechlin

19.11.2010 Kommentare (0)

Diesen Artikel haben wir aus dem DJI-Bulletin 2/2010 übernommen.

Die pädagogische Arbeit mit Kindern mit Migrationshintergrund, ihre Förderung insbesondere im Bereich des Spracherwerbs, ihre Integration in die Gesellschaft des Einwanderungslandes – all dies sind nicht zu unterschätzende Herausforderungen, vor denen das System der Kindertagesbetreuung heute ebenso steht wie die pädagogischen Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen selbst. Und so lassen sich zwei Problembereiche benennen: Immer noch besuchen zu wenige Kinder mit Migrationshintergrund eine Tageseinrichtung, und dort, wo sie frühkindliche Bildung in Anspruch nehmen, sind sie zu häufig »unter sich« (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010).

Deutsch lernen schwer gemacht

Die Handlungsmöglichkeiten der Kindertageseinrichtungen, solchen Segregationstendenzen entgegenzuwirken, sind stark eingeschränkt, da die soziale Zusammensetzung der Kindergruppen in der Regel ein Abbild des sozialen Nahraums ist. Deshalb fordern Fachleute immer wieder, dass in Einrichtungen, in denen überwiegend Kinder betreut werden, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, mehr Personal für die Sprachförderung eingesetzt werden müsse. Damit soll kompensiert werden, was nicht naturwüchsig möglich ist: Mangelnde Gelegenheiten zur Einübung der deutschen Sprache im Spiel und in der Interaktion mit Gleichaltrigen sollen durch eine pädagogisch intendierte Sprachförderung ersetzt werden. Schließlich besteht die besondere Verantwortung der Kindertageseinrichtungen darin, dass sich Familien mit Migrationshintergrund vielfach darauf verlassen (müssen), dass ihre Kinder die Sprache des Aufnahmelandes beispielsweise in dem Kindergarten erlernen können. Und auch von fachlicher Seite wird mittlerweile häufig empfohlen, in den Familien die Sprache zu sprechen, in der sich die Eltern »zu Hause« fühlen – und dies auch dann, wenn dies die Sprache des Herkunftslandes ist.

Doch inwiefern finden die damit verbundenen Herausforderungen auch ihren Niederschlag in den personellen Ressourcen von Kindertageseinrichtungen? Sind Einrichtungen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund personell besser ausgestattet? Ein Vergleich von ausgewählten Bundesländern zeigt ein durchaus heterogenes Bild. Dabei richtet sich das Augenmerk insbesondere auf Westdeutschland und Berlin, da im Osten oftmals nur sehr wenige Migrantinnen und Migranten leben. Beispielsweise steht in Hessen durchschnittlich nur eine Arbeitskraft für mehr als acht Kinder bereit, wenn in ihrer Einrichtung weniger als 25 Prozent der Kinder Migrationshintergrund haben. Sprechen dagegen mehr als 75 Prozent der Kinder nicht deutsch in ihren Familien, kommen auf eine Arbeitskraft im Schnitt 7,3 Kinder (siehe Grafik). In Rheinland-Pfalz liegt der Personalschlüssel dagegen relativ konstant bei 1:7,1 bis 1:7,6. In Niedersachsen beträgt er 1:7,7 bis 1:8,6. Auffällig ist im letztgenannten Bundesland, dass der Personalschlüssel mit dem wachsenden Anteil von Migrantenkindern zunächst zwar besser wird, sich aber gerade bei den problematischen Einrichtungen mit einer Quote von mehr als 75 Prozent wieder deutlich verschlechtert. Die personelle Ausstattung der Kindertageseinrichtungen reagiert also meist nicht in angemessener Weise auf die sozialstrukturelle Zusammensetzung der zu betreuenden Kinder.

Fehlende Informationen über Bildungsangebote

Trotz der Relevanz des Kindergartenbesuchs für den Spracherwerb im Besonderen und der Integrationsfunktion von Kindertageseinrichtungen im Allgemeinen zeigt ein Blick auf die Bildungsbeteiligungsquote, dass längst nicht alle Kinder mit Migrationshintergrund die Chance früher Förderung nutzen: Kinder aus zugewanderten Familien sind in Kindertageseinrichtungen noch immer unterrepräsentiert (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010). Während auf Seiten der Familien diskrepante Erziehungsziele, fehlende Informationen über das deutsche Bildungssystem oder die deutlich niedrigere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Müttern mit Migrationshintergrund zu den Barrieren zählen, sind es auf Seiten der Institutionen vor allem die konfessionelle Orientierung vieler Einrichtungen oder die sprachlich-kulturelle Zusammensetzung des Personals, die zu einer monolingualen Personalstruktur führen. Damit fehlen Integrationsfiguren, die helfen könnten, Zugangsschwellen abzubauen (Neumann 2005).

Inzwischen liegen vielfältige Erfahrungen aus Modellprojekten in der Kindertagesbetreuung vor, in denen institutionelle Barrieren vor allem durch das Aufbrechen monolingualer Strukturen abgebaut werden sollen. Hierzu zählen etwa die Beschäftigung von Migrantinnen und Migranten, der Erwerb von Grundkenntnissen in den Sprachen der Kinder durch das Personal, der Einsatz zweisprachiger, ehrenamtlicher Elternbegleiter und spezielle, dual organisierte Weiterbildungsprogramme für Migrantinnen und Migranten zu staatlich anerkannten Erzieherinnen und Erziehern.

All diese Bemühungen besitzen bislang jedoch nur punktuellen Charakter und sind in der Landschaft der Kindertagesbetreuung noch nicht angekommen. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Frage nach dem Anteil von Erzieherinnen und Erziehern, die selbst Migrationshintergrund haben. Laut Mikrozensus 2007 sind etwa 6 Prozent von ihnen zugewandert, haben also selbst Migrationserfahrung. Ein weiteres Prozent der pädagogischen Fachkräfte wurde zwar in Deutschland geboren, besitzt allerdings nicht die deutsche Staatsangehörigkeit (siehe Grafik). Unberücksichtigt bleiben bei dieser Berechnung all jene, die in Deutschland geboren wurden und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, deren Eltern jedoch zugewandert sind oder selbst nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Dem Mikrozensus zufolge traf dies im Jahr 2005 auf 1,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland zwischen 20 und unter 65 Jahren zu. Die Anzahl der Erzieherinnen und Erzieher mit Migrationshintergrund dürfte demnach nur geringfügig höher sein.

Der Anteil der Migrantinnen und Migranten bei den 20- bis unter 65-Jährigen in der Gesamtbevölkerung liegt bei gut 30 Prozent. Damit sind Migrantinnen und Migranten unter den pädagogischen Fachkräften erkennbar unterrepräsentiert. Offen bleibt jedoch die Frage, warum dieser Beruf – der durchaus dem Muster traditioneller Rollenbilder entspricht – so wenig attraktiv für Migrantinnen ist.

Unfreiwillige Teilzeitarbeit

Zumindest auf Seiten des Arbeitsmarktes lassen sich einige Bedingungen ausmachen, die mitverantwortlich sein könnten für die mangelnde Beliebtheit des Berufsfeldes. Die Beschäftigungsbedingungen von Erzieherinnen und Erziehern haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert: So ist der Anteil der Vollzeitbeschäftigten im Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung nicht nur außerordentlich niedrig, er ist außerdem laut Mikrozensus in den vergangenen zehn Jahren stärker zurückgegangen als in anderen (Frauen-)Berufen. Waren Mitte der 1990er Jahre noch 65 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher vollzeitbeschäftigt, so sind es Mitte dieses Jahrzehnts nur noch die Hälfte von ihnen. Teilzeitbeschäftigung mag zum Teil – insbesondere in einem Frauenberuf – erwünscht sein, bietet sie doch die Möglichkeit, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Nach einer Schätzung auf Basis der Daten des Mikrozensus ist jedoch davon auszugehen, dass etwa ein Viertel der Erzieherinnen und Erzieher gezwungenermaßen nur Teilzeit arbeiten, das heißt, der Arbeitsmarkt hält keine Vollzeitstellen bereit. Erschwerend kommt hinzu, dass angesichts des geringen Einkommens in diesem Beruf mit einer Teilzeitbeschäftigung die Existenzsicherung oft nicht gewährleistet werden kann.

Auffällig im Berufsgruppenvergleich sind auch die Zahlen zur Befristung: Laut amtlicher Kinder- und Jugendhilfestatistik gingen im Jahr 2002 im Westen etwa 18 Prozent und im Osten 7 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher einer befristeten Tätigkeit nach – Auszubildende sowie Berufspraktikantinnen und -praktikanten nicht mitgezählt. Im Mikrozensus 2007 beläuft sich dieser Anteil auf bundesweit 14 Prozent. Wenngleich der Arbeitsmarkt insgesamt durch eine Zunahme befristeter Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet ist – zuletzt vermeldete das Statistische Bundesamt eine Befristungsquote von etwa 9 Prozent – so scheint diese Entwicklung bei den Erzieherinnen und Erziehern deutlich schneller voranzuschreiten. Zudem liegt das Befristungsniveau der sozialen Berufe auch im Vergleich mit anderen Berufsgruppen an der Spitze. Die Befunde der KiTa-Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft weisen außerdem darauf hin, dass vor allem die jüngeren Mitarbeitenden nur befristet oder als Teilzeitkraft angestellt sind, also jene, die sich zunächst einmal auf dem Arbeitsmarkt etablieren müssen (Fuchs-Rechlin 2007).

Berufseinstieg mit Hürden

Aber auch bei der Ausbildung gibt es Barrieren, die junge Menschen auf Distanz zu diesem Arbeitsfeld gehen lassen: So zählt mittlerweile in einigen Bundesländern die Hochschulreife zu den Zugangsvoraussetzungen für diesen Beruf; in der Regel muss vor Beginn der dreijährigen Ausbildung an der Fachschule eine zweijährige Ausbildung zur Kinderpflegerin oder zum Kinderpfleger beziehungsweise zur Sozialassistentin oder zum Sozialassistenten absolviert werden. Für eine Fachschulausbildung mag dies folgerichtig sein, denn diese dient der beruflichen Weiterbildung nach Abschluss einer dualen Ausbildung (vergleichbar mit dem Meister oder dem Techniker bei Handwerks- und Industrieberufen). Eine insgesamt fünf- bis sechsjährige Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher ist angesichts der daran anknüpfenden Einkommens- und Aufstiegschancen aber in keiner Weise angemessen und auch nicht mehr zeitgemäß. Eine Zuspitzung findet diese Entwicklung, wenn im Kontext der Diskussionen um eine – sicherlich wünschenswerte – Akademisierung des Arbeitsfeldes weiterbildende Studiengänge an Hochschulen implementiert werden, bei denen die vorangegangene Ausbildung nur unzureichend auf das Studium angerechnet wird. Eine Erzieherin oder ein Erzieher würden in diesem Fall sogar auf sieben bis acht Ausbildungsjahre kommen – ein biografischer und ökonomischer »Input« in völliger Schieflage zum »Output«.

Den Kindertageseinrichtungen fehlt es nicht nur an pädagogischen Fachkräften mit Migrationshintergrund. Ebenso sind Männer im System der Kindertagesbetreuung nach wie vor dramatisch unterrepräsentiert. Für die Ausbildungsinstitutionen und Anstellungsträger jedenfalls resultiert daraus der Auftrag, stärker als bisher um diese Personenkreise zu werben und die Ausbildung attraktiver für junge Menschen zu gestalten.

Die Autorin Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin ist Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut / Technische Universität Dortmund. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik sowie ergänzenden Statistiken, der Professionalisierung pädagogischer Berufe sowie der Sozial- und Bildungsberichterstattung. Fuchs-Rechlin wertete für den Nationalen Bildungsbericht 2010 die Einzeldaten der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik aus.

Literatur

Neumann, Ursula (2005): Kindertagesangebote für unter sechsjährige Kinder mit Migrationshintergrund. In: Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Hrsg.): Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern unter sechs Jahren. München, S. 175–226 (= Materialien zum Zwölften Kinder- und Jugendbericht, Band 1).

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008): Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Bielefeld

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010): Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel. Bielefeld

Fuchs-Rechlin, Kirsten (2007): Wie geht’s im Job? KiTa-Studie der GEW. Frankfurt am Main

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