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Studentin im Hörsaal

Inklusion in der ErzieherInnenausbildung zwischen Anspruch und Realität

Carolin Szesny, Salomé Soldanski

14.12.2012 Kommentare (0)

Auf die Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention war das deutsche Bildungs-system schlecht vorbereitet. Im historisch gewachsenen mehrgliedrigen Schulsystem herrschte traditionell der Überzeugung, dass es für Kinder mit Behinderungen das Beste ist, in eigens auf ihre speziellen Bedürfnisse ausgerichteten Sonderkindergärten oder Sonderschulen betreut zu werden. So werden nun die Institutionen mit den Ansprüchen betroffener Eltern und ihrer Kinder auf Inklusion, sowie mit denen der Landesregierungen überfordert. Häufig fehlt es in den Einrichtungen an den dafür notwendigen organisatorischen und strukturellen Rahmenbedingungen, sowie an geeigneten pädagogischen Handlungskonzepten.

Auch wenn in Berlin beispielsweise schon ca. 90% aller Kinder mit Behinderungen in „Inte-grationskitas“ von dafür ausgebildeten „FacherzieherInnen für Integration“ betreut werden - und das verglichen mit den Zahlen anderer Bundesländer eine hervorragende Versorgungs-leistung darstellt,  fehlt es jetzt an der fachlichen Auseinandersetzung mit dem bislang praktizierten Konzept der Integration und dem neuen Verständnis von Diversität und unein-geschränkter Teilhabe, ausgedrückt mit dem Begriff der „Inklusion“. Allzu oft werden die Begriffe Integration und Inklusion in Fachkreisen synonym verwendet, vielleicht auch, um darauf aufmerksam zu machen, dass in Berlin seit den 90er Jahren durch die Initiativen von Eltern und ErzieherInnen viel für die Integration in den Kindertageseinrichtungen getan wurde und dass diese Arbeit durch einen Begriff, der jetzt von der Politik  „aufoktroyiert“ wird, scheinbar eine Abwertung erleben könnte.

Um „Inklusion“ zu realisieren wird pädagogisch gut ausgebildetes Fachpersonal benötigt, das das Bewusstsein und  das Verständnis für den Unterschied zwischen Integration und Inklu-sion besitzt und über die notwendigen Kompetenzen verfügt, die Idee der Inklusion in ein pädagogisches Handlungskonzept zu übersetzen. In der Berufsausbildung, die zukünftige ErzieherInnen auf ein breites berufliches Spektrum vorbereiten soll, spielt das Thema Inklu-sion länderweit bislang eine eher untergeordnete Rolle und es bleibt den Ausbildungsstätten vorbehalten, ob sie es überhaupt thematisieren. In den Rahmenlehrplänen wird es zwar erwähnt, aber eher als moralischer Appell formuliert oder als vorausgesetzte personale Kompetenz beschrieben, über die Menschen verfügen sollten, ehe sie sich für den Beruf der ErzieherIn entscheiden.

So ist es auch in Berlin, wo im „Rahmenlehrplan für Unterricht und Erziehung“ für staatliche Fachschulen für Sozialpädagogik in Berlin unter dem Punkt „1.2. Querschnittsthemen“ der Begriff „Inklusion“ hinter dem Begriff „Integration“ und einem Schrägstrich steht, was ers-tens zu der Interpretation verführt, dass es sich bei den beiden Begriffen inhaltlich um dasselbe handelt. Zweitens wird im gleichen Absatz für den Umgang mit den Querschnitts-themen gefordert, dass diese, auch wenn sie „in der Regel nur bei einem Themenfeld ausdrücklich genannt werden, auch in den anderen berücksichtigt werden sollen.“ Leider finden beide Begriffe, sowohl Integration als auch Inklusion, im Rahmenlehrplan für Sozial-pädagogik Berlin keine weitere Erwähnung. Die Pro Inklusio- Fachschule für Sozialpädagogik, eine Ausbildungsstätte für ErzieherInnen in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, die dieses Thema als zukunfts- und richtungsweisend begreift und inhaltlich schwerpunktmäßig darauf eingehen möchte, leistet hierbei zunächst Pionierarbeit.

Um Studierende zu befähigen, inklusive pädagogische Prozesse zu gestaltenten, müssen folgende Fragen in den Mittelpunkt der didaktisch-methodischen Fachdiskussion  gestellt werden: Was unterscheidet ein inklusives von einem integrativen pädagogischen Handlungskonzept? Welche Personal- und Fachkompetenzen benötigen ErzieherInnen, um inklusive Prozesse zu erkennen, zu initiieren, zu planen, zu organisieren und zu dokumentieren? Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit zukünftige ErzieherInnen diese Kompetenzen in der theoretischen und praktischen Ausbildung erwerben?

Die Pro Inklusio - Fachschule für Sozialpädagogik in Berlin versucht den Studierenden die Kompetenzen für die Gestaltung einer inklusiven pädagogischen Praxis zu vermitteln. Die Studierenden werden zunächst danach ausgewählt, ob sie die Bereitschaft zu inklusiver Tätigkeit mitbringen. Außerdem unterschreiben sie eine Vereinbarung mit der Schule, die sie verpflichtet niemanden wegen seiner Herkunft, seines Geschlechts, seiner politischen Über-zeugung, so sie den demokratischen Grundwerten entspricht, seiner sexuellen Orientierung oder wegen einer Behinderung auszugrenzen. Diese formalen Kriterien haben das Ziel, die zukünftigen ErzieherInnen für die Idee der Inklusion zu sensibilisieren. Sie sollen am Ende ihrer Ausbildung sicher zwischen dem Anspruch der Integration und der Inklusion unterscheiden können und ihnen soll bewusst sein, dass Inklusion vorrangig eine Frage der eigenen Haltung ist. Eine solche Haltung möchte die Fachschule mit dem Ansatz der „Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung“ fördern. Dieser Ansatz hat seinen Ursprung im „Anti-Bias Approach" von Louise Derman-Sparks, der 1989 in Kalifornien entwickelt und im Rahmen des Projektes „Kinderwelten“ 2003 von Dr. Christa Preissing und Petra Wagner für Deutschland adaptiert wurde. Er zielt auf die Stärkung der persönlichen Identität von Kindern bezogen auf die eigene Person, Herkunft und Kultur, auch und gerade wenn die Bezugsgruppe zu den Minoritäten in unserer Gesellschaft gehört. Außerdem geht es um die kindliche Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden, mit Gleichheit und Verschiedenartigkeit, um dadurch der Ausprägung einseitiger oder diskriminierender Vorurteile entgegenzuwirken. Die Pro Inklusio- Fachschule für Sozialpädagogik kooperiert mit den Verantwortlichen des Projekts „Kinderwelten“, indem die DozentInnen, die Studierenden und die MentorInnen an entsprechenden Fortbildungen teilnehmen und die Schule von dieser Institution auf ihrem Weg zu einer inklusiven Bildungseinrichtung beraten und begleitet wird.

Die Entwicklung und Förderung der oben genannten beruflichen Kompetenzen zukünftiger ErzieherInnen stellt an die Ausbildung hohe Anforderungen, denen die Schule allein nicht gerecht werden könnte, da die Stofffülle, die sich aus der allgemeinen Vorbereitung auf ein breites berufliches Tätigkeitsspektrum ergibt, eine Vertiefung kaum zulässt. Die Schule ist deshalb darauf angewiesen, dass die Studierenden am Lernort Praxis erproben und erfahren können, womit sie sich im Unterricht theoretisch auseinander gesetzt haben. Umso wich-tiger ist es, dass die Praxiseinrichtungen vorbildlich arbeiten und dass die Studierenden von PraxisanleiterInnen ausgebildet werden, die hinter den Ansprüchen der Inklusion an ihre professionelle Haltung nicht zurückbleiben. Die Fachschulen können oft nur wenig Einfluss darauf nehmen, ob die PraxisanleiterInnen ausreichend qualifiziert sind und letztere leiden wiederum oft darunter, dass sie die praktische Ausbildung selbst organisieren müssen und von der Schule wenig oder kein Feedback bekommen. Inklusive Fachschulen für Sozial-pädagogik sollten es daher als wichtige Aufgabe ansehen, an dieser Stelle die Initiative zu ergreifen und dafür Sorge zu tragen, dass die PraxisanleiterInnen spezielle Fort- und Weiterbildungsangebote, den regelmäßigen Austausch in spezifischen Gremien und vielfältige andere Formen der Zusammenarbeit nutzen können. Ein wichtiges Instrument für die engere Verzahnung zwischen Theorie und Praxis ist für die Pro Inklusio-Fachschule der „pädagogische Beirat“, ein aus VertreterInnen der kooperierenden Praxiseinrichtungen und der Schule bestehendes Gremium, welches an Grundsätzen der Gestaltung des Schullebens beteiligt ist und in der Schulkonferenz Mitbestimmungsrechte besitzt.

Will die Institution Schule den Gedanken der Inklusion ernst nehmen, darf sie sich jedoch nicht damit begnügen, über Barrieren für Bildung und Teilhabe in den Praxisreinrichtungen zu reden. Es geht gleichermaßen darum, darüber nachzudenken, durch welche eigenen institutionellen Barrieren das Recht auf Ausbildung beeinträchtigt und durch welche Ange-bote Partizipation und Lernen für einzelne Personen erschwert oder gar verhindert wird. Es müssen Unterrichtskonzepte entwickelt werden, die alle Studierenden dabei unterstützen, optimale Lernerfolge zu erzielen. Realisiert werden kann dies beispielsweise durch gezielte Einzelangebote und Unterstützungsmaßnahmen, durch einen binnendifferen-zierten Unterrichtsansatz oder durch die Implementierung eines ressourcenorientierten Bewertungssystems. Außerdem müsste die Ausbildung jedem zugänglich gemacht werden, der sich für den Einsatz in diesem Berufsfeld eignet, auch wenn sie/er die formalen Voraus-setzungen dafür nicht erfüllt. Eeine Modularisierung der Ausbildung könnte allen interessierten und geeigneten Menschen die Möglichkeit zu geben, für einzelne Module ein Zertifikat oder eine Teilnahmebescheinigung zu erhalten. Für den Erwerb des Berufsabschlusses als ErzieherIn müsste eine näher zu bestimmende Anzahl und Qualität der Zertifikate Voraussetzung sein, es sollte jedoch möglich sein, auch ohne diesen qualifizierten Ab-schluss im Berufsfeld tätig zu sein, um dann einen Abschluss nachzuholen Diese Ideen und Gedanken sind unter den derzeit bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen nur teilweise oder gar nicht realisierbar, aber richtungsweisend und eine lohnenswerte Zielsetzung, wenn es um die Gestaltung eines inklusiven Bildungssystems gehen soll.

Eine Fachschule für Sozialpädagogik mit dem Anspruch, inklusiv denkende und handelnde ErzieherInnen auszubilden, hat derzeit viele „Baustellen“.  Es ist nötig, dass alle dazu gehö-renden Menschen bereit sind, die Schule „eigenverantwortlich und gemeinschaftsfähig“ mitzugestalten,. Dass es möglich ist, das Prinzip der Inklusion auch in der Ausbildung von Erzieherinnen zu realisieren, davon sind zumindest die MitarbeiterInnen der Pro Inklusio-Fachschule begeistert und fest überzeugt.

Die Autorinnen Carolin Szesny und Salome Soldanski sind Mitarbeiterinnen von Pro Inklusio - staatlich genehmigte Fachschule für Sozialpädagogik Berlin.

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