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Kinderzeichnungen und die Entwicklung des Selbsterkennen

Dr. Erika Butzmann

01.05.2020 | Fachbeitrag Kommentare (0)

In der bisherigen Forschung zur Kinderzeichnung gibt es teilweise Unterschiede in den Auffassungen, wie bestimmte immer wiederkehrende Zeichnungen der Kinder zu interpretieren sind (z.B. Jenni 2013). Wenn jedoch der Fokus auf die besonderen Merkmale der Entwicklung des Selbsterkennens beim Kind gerichtet ist, sind eindeutigere Interpretationen möglich, die Erziehenden Aufschluss über den Entwicklungsstand des Kindes geben können. In den folgenden Ausführungen werden Kinderzeichnungen entlang der Entwicklung des Selbsterkennens beschrieben und damit die Bedeutung der Zeichnung für die Entwicklung des Kindes dargestellt. 

Entwicklungsspuren und das Unbewusste in der Kinderzeichnung

Kinderzeichnungen enthalten in den ersten sechs Jahren deutliche Spuren der Entwicklung, d.h. der Erkenntnis über sich selbst und damit auch über die anderen. Dies ist den Kindern bis ins vierte Lebensjahr hinein nicht bewusst. Die Entwicklungsspuren kommen in den ersten Jahren bei den meisten Kindern weltweit in individueller kulturbezogener Form hervor, so dass von einer tieferen Bedeutung des Zeichnens für die Entwicklung des Kindes ausgegangen werden muss (Gier 2004, Costantini 2006, Stern 2012). Solche Zeichnungen entstehen besonders dann, wenn Kinder von Beginn an frei malen konnten.

Das kleine Kind zeichnet unbewusst auf, womit es in seiner Entwicklung beschäftigt ist. Es zeichnet und bringt etwas auf das Papier ohne zu wissen, was es malt. Deshalb überlegen die Kleinen häufig lange, wenn sie gefragt werden, was ihre Zeichnungen darstellen oder sie ändern immer wieder die Bezeichnung der Darstellung. Es werden Geschichten dazu erzählt, die vom Betrachter auf dem Bild nicht zu erkennen sind. Aber das Kind ist überzeugt, etwas sehr Wichtiges auf das Papier gebracht zu haben. Von seinen Darstellungen der Entwicklungsspuren weiß es nichts. Es malt seine Bilder ganz aus dem inneren Erleben heraus, ohne dies benennen oder gar erklären zu können (Gier 2004, Costantini 2006).

Kinder, die nicht oder nur selten malen, haben andere Mittel, die ihre Entwicklung voranbringen bzw. begleiten. Häufig sind es Jungen, die sich nicht dafür begeistern. Sie sind dann eher grobmotorisch orientiert, also sehr körperbezogen aktiv und gegenständlich-technisch interessiert. Sie brauchen das Zeichnen nicht so sehr für ihr Selbsterkennen, beginnen jedoch häufig später zu malen, wenn sie nicht zu sehr gedrängt wurden.

Die frühe Entwicklung in der Kinderzeichnung und die erste Phase des Selbsterkennens 

Das kleine Kind beginnt zu malen, wenn es in die Phase der intensiven Nachahmung der Eltern kommt, also in der Zeit zwischen 12 und 24 Monaten. Es sieht die Eltern mit dem Stift auf dem Papier hantieren und will das auch. So produziert es zuerst mit dem Stift im Sturzflug von oben Punkte auf das Blatt, die aus der Bewegung heraus kurze Schwänze haben. In der Folge entwickeln sich daraus kreisenden Bewegungen, die zum Ur-Wirbelknäuel und zum Urkreuz führen. Voraussetzung dafür ist die feinmotorische Entwicklung. Die unbändige Funktionslust, etwas zu bewegen und zu sehen, was passiert, wenn das Kind etwas macht, ist der Motor. Dies ist ein starker genetischer Antrieb.

Der Urknäuel, das Urkreuz und das Eingebunden-sein in der Welt

Aus dem Ur-Wirbelknäuel entsteht die Spirale; sie ist eine kreisende Linienführung ohne Anfang und Ende mit Ewigkeits-Charakter. In diesem Spiralmalen zeigt sich die in sich geschlossene Wahrnehmung des Kindes. Das kleine Kind lebt bis ins dritte Lebensjahr hinein eingebettet im unmittelbaren Erleben durch die Fülle seiner Sinneseindrücke. Es fühlt sich noch weitgehend verbunden mit seiner Mutter und der Außenwelt (vgl. Piaget 1974, S. 158). Das zeigt sich im monatelangen Malen dieser Spiralen, die es mit immer wieder neuen Kombinationen produziert. Dabei gibt es drei parallele Entwicklungen: Entweder wird die Spirale immer mehr verdichtet, so dass am Ende ein dicker Punkt herauskommt oder die Spirale wird immer mehr ausgedehnt, so dass am Ende der Kreis entsteht. Werden die Spiralen immer flacher gezeichnet, bilden sich daraus Ellipsen, die als sogenannte Kritzelbahnen zum Schwingkreuz übergehen und dann das Ur-Kreuz zu Tage fördern. Dies alles geschieht mit einer ungeheuren dynamischen Kraft. Es ist ein ständiges Kreisen, ein Auf und Ab und Hin und Her, mit dem die Kinder diese Gebilde auf das Papier bringen. 

Wenn aus den Spiralen der Punkt, das Kreuz und der Kreis hervorgehen, ist das Kind an einem wichtigen Punkt in seiner Entwicklung angekommen:

Der Punkt und das Kreuz und die Erkenntnis des Getrenntseins

Das Kind erlangt zwischen 18 und 24 Monaten zum ersten Mal ein Bewusstsein von sich als eigenständiger Person. Es nennt sich nicht mehr beim Vornamen, sondern sagt ‚Ich‘ zu sich selbst. Es hat damit seinen ‚Standpunkt‘ in dieser Welt gefunden. Das Empfinden, mit der Mutter und seiner Umgebung eine Einheit zu sein, löst sich nun auf. Es ist ein einfaches Erleben des Getrenntseins, mehr noch nicht. Dabei wird ihm jedoch sein eigener Wille deutlich bewusst. Das bringt das Kind beim Zeichnen durch die Verdickung in der Spirale und bei den Schwinglinien beim Kreuz ganz klar zum Ausdruck - und im normalen Alltag mit den Worten „Ich will!“ oder „Nein, ich will nicht!“ Das Kind erkennt sich zum ersten Mal als Person unter anderen (vgl. Piaget 1974, S. 164; Roth 2001, S. 331). Jetzt bezeichnet es alle Dinge als „meins“, weil seine Verunsicherung über diesen neuen Zustand sehr groß ist. Es muss nun für einige Monate alles festhalten, weil die Dinge und die Mutter erkenntnismäßig zu verschwinden drohen (vgl. Butzmann 2011, S. 30). So kann es sich langsam an das neue Gefühl gewöhnen, getrennt von allem zu sein. Es entstehen zu diesem Zeitpunkt situativ erneut Trennungs- und Verlassenheitsängste.

Der Kreis, der Punkt und das Kreuz: „Ich bin der Mittelpunkt der Welt“

Gegen die neue Erkenntnis des Getrenntseins und die damit verbundenen Ängste hilft dem Kind die durchgängige Ichbezogenheit im Denken, die Allmachtsgefühle hervorbringt. Genau das kommt zum Ausdruck, wenn das Kind die Spirale in der Mitte stark verdickt, so dass am Ende ein dicker Punkt entsteht oder wenn es aus der Spirale heraus den Kreis malt und einen Punkt gezielt in die Mitte setzt. Die gleiche Bedeutung hat das Gegeneinander-Zeichnen der Kritzelbahnen, wo dann ein Kreuz sichtbar wird. Mit dem Punkt und dem Kreuz zeigt das Kind sein Empfinden: Ich bin da, ich bin der Mittelpunkt der Welt, die Welt steht mir gegenüber, ich will sie entdecken. Das sogenannte Trotzalter beginnt.

Der Strahlenkreis und das Wissen von den anderen

Die langsame Auflösung dieser Fehlannahme zeigen die Bilder, auf denen Linien aus der Mitte des Kreises über den Rand hinweg gemalt werden. Dies sind Anzeichen für die deutlichere Wahrnehmung des Kindes, dass es die anderen gibt, mit denen es in Kontakt treten will. Es streckt seine Fühler aus und will auf die anderen zu gehen. Vorher handelt es sich eher um spontane Kontaktaufnahmen. Dann ist das Kind ungefähr drei Jahre alt. Der Strahlenkreis wird später als Sonne in den Himmel gemalt, weil die Erwachsenen das anregen. Jetzt benutzt das Kind auch das Wort „deins“, erkennt dessen Bedeutung und nimmt damit gezielt Kontakt zu den anderen auf. Das zeigt sich im Spiel der Kinder. Sie können sich nach der langen Phase des allein und parallel Spielens nun auf den anderen Spielpartner immer besser einstellen. 

Das Unbewusste in der ersten Phase des Selbsterkennens 

Wie stark das unbewusste Erleben des Selbst und das ebenso unbewusste Bedürfnis des Kindes zur Selbstdarstellung in der Zeichnung sind, zeigt sich an Bildern, die Kinder während einer Krankheitsphase malen. Vor und während der Krankheit tauchen regressive Elemente aus der Zeichenentwicklung auf und nach der Krankheit entstehen übersprühende Bilder. Damit kommt das instabile Selbstgefühl während der Krankheit in der Zeichnung zum Ausdruck. In diese Phase der unbewussten Selbstdarstellungen gehören auch die sogenannten Embryonalbilder. Sie stellen Konkretes in der unbewussten Phase dar. Das Kind zeichnet also etwas, womit es sich unbewusst beschäftigt. Diese Bilder werden von einigen Kindern gemalt, wenn sie die ersten Fragen nach ihrer Herkunft stellen und der Wunsch nach einem Geschwister auftaucht. Denn das Kind kommt im vierten Lebensjahr allmählich zu einem Bewusstsein für das Leben in der Zeit, zunächst einer vergangenen (Fragen nach dem Status des Babyseins) und dann einer zukünftigen Zeit (Fragen nach dem Groß-werden und dem Tod). Das Empfinden, jetzt zu sein, zu erfahren, zu leben, dehnt sich aus zu einem vagen Wissen, erst um die eigene Vergangenheit und danach um die eigene Zukunft. 

Die unbewusste Eroberung der grundlegenden geometrischen Formen

Ebenso, wie sich das Kind in der ersten Phase unbewusst selbst darstellt, hat es sich unbewusst die geometrischen Grundformen durch das Zeichnen erarbeitet: den Punkt, die Linie, den Kreis und das Kreuz. Es ist ein inneres Wissen ohne dass es mit dem Intellekt durchschaut wird. So hat jeder Mensch ein inneres Bild von dem, was Punkte, Kreise, Kreuze, Wirbelknäuel, Spiralen und Schwingkreuze sind. Er kann sie immer erkennen, zeichnen und mit anderen Motiven in Verbindung setzen. 

Die zweite Phase des Selbsterkennens in der Kinderzeichnung

Das Bewusstwerden über die eigenen Darstellungen

Aus dem Kreis mit Strahlen entwickeln sich zwischen drei und vier Jahren die Kopffüßler. Kopffüßler sind jetzt die ersten Bilder aufgrund von bestimmten Vorstellungen, also keine unbewussten Darstellungen mehr. Da die Aufmerksamkeit des Kindes immer noch weitgehend auf einen Sinneskanal fixiert ist (Piaget 1981, S. 218, Roth 2001, S. 322), wird nur der Kopf, aber nicht der Körper gezeichnet. Arme und Beine sind als Linien schon da, denn durch die ständigen Bewegungen sind sie stärker im Bewusstsein. 

Kopffüßler und das Wissen über das Denken

Zu diesem Zeitpunkt passiert in der Entwicklung wieder etwas Wichtiges und Besonderes. Es ist die zweite Phase des Selbsterkennens, also ein Prozess, der im Kopf stattfindet. Mit vier Jahren wissen die Kinder, dass ihre Gedanken im
Kopf sind und die anderen auch Gedanken im Kopf haben. Mit dieser Erkenntnis ist das Kind von jetzt ab stark beschäftigt. Wie stark, ist daran zu sehen, was die Kinder nun auf das Papier bringen: Kopffüßler in allen Formen und Größen, viele Situationen werden dargestellt. Wie sperrig die Erkenntnis über die Gedanken im Kopf noch ist, zeigt folgende Aussage eines vierjährigen Mädchens: Auf die Frage einer Erzieherin, wann man schlau ist, sagt das Kind „Wenn man mit dem Kopf denkt“. Die Erzieherin fragt „Wie geht das?“ Das Kind antwortet „Ganz einfach, wenn man mit dem Finger neben das Auge an den Kopf drückt“! Das Wissen über die Gedanken im Kopf beschränkt sich auf die Feststellung, dass die Gedanken im Kopf sind. Die weitere Frage der Erzieherin wird auf synkretistische Weise (vgl. Piaget 1983, S. 182) beantwortet.

Konzentrationsübungen: viele Gedanken in den Köpfen

 Kind beschäftigt sich jetzt also intensiv mit seinem Kopf und seinen Gedanken, was Erziehende im Alltag vielfältig mitbekommen. Vierjährige stellen verstärkt Warum-Fragen, prahlen mit ihrem Wissen, interessieren sich für alles. Die Beschäftigung mit den Gedanken im Kopf ist auf den Bildern zu sehen, auf denen eine Unmenge kleiner Kreise in geschlossenen Räumen oder um eine Figur herum gemalt sind. Unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten bringen die Kinder damit offensichtlich halbbewusst ihre Gedanken auf das Papier; Gedanken als kleine Luftblasen im Kopf oder aufsteigend aus dem Kopf oder dem Körper. Es dürfte klar sein, dass sich die Kinder mit solchen Bildern sehr lange beschäftigen, jeden Kreis bewusst zeichnen, die Kreise dicht neben einander setzen. Das deutet auf eine hohe Konzentration und viele Gedanken im Kopf hin. Das gleiche findet sich auch im konzentrierten Allein-Spielen der Kinder. Die Gedanken im Kopf und das Spielhandeln sind auch hier häufig zwei verschiedene Dinge. Aufgrund ihres transduktiven Denkens zwischen 3 und 5 Jahren leben Kinder noch stark in der Phantasie, sie pendeln dabei zwischen zwei Dingen hin und her ohne einen Zusammenhang zu suchen (vgl. Piaget 1984, S. 144).

Ich und die anderen in der Welt der Kopffüßler 

Das Kind zeichnet sich als Kopffüßler zuerst nur selbst, sehr bald dann zusammen mit der Familie. Häufig lassen sich  die Familienmitglieder an der Darstellung erkennen, denn die unbewusste Wahrnehmung der emotional stark besetzten Dinge (vgl. Roth 2001, 271) oder Personen bringt deren Besonderheiten in der Zeichnung hervor. Auf die Familienbilder folgen die Zeichnungen, auf denen das Kind mit seinen Freunden zu sehen ist, denn seine Aufmerksamkeit ist jetzt stark auf die Gleichaltrigen bezogen. Hier werden häufig Situationen im Kindergarten dargestellt. Für das Kind Wichtiges wird groß gezeichnet, das Unwichtige oder noch nicht detailliert Wahrgenommene wird weggelassen. In Gesichtern fehlt oft die Nase, während die erlebnismäßig wichtigeren Augen und der Mund bereits vorhanden sind. Zu diesem Zeitpunkt beginnt das Kind, sich mit den anderen zu vergleichen, was die Entwicklung des Selbsterkennens vorantreibt.

Die Zeichnung des Gesamtkörpers und die Entdeckung des Vierecks

Nun folgt in der Zeichnungsentwicklung die Gesamtfigur mit Kopf, Körper und Gliedmaßen. Der Weg dahin ist wieder besonders vorgegeben. Neben den vorhanden Formen des Kreises (Kopf, Bauch) und der Linien (Arme, Beine) kommt nun das Leitermotiv zum Vorschein, also zwei senkrechte Linien, die mit waagerechten Linien verbunden werden. Das Kind erobert sich damit das Viereck. Viele Kinder zeichnen den Körper der Figur in Form einer Leiter. Es werden auch Querstriche in Kreise oder einfach Leitern ins Bild gemalt, ohne dass das Kind dieses Ding als Leiter bezeichnen würde. Die Aufmerksamkeit des Kindes liegt jetzt also auch auf der Mitte, auf dem Körper. Das hängt mit der Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit und dem Empfinden des neuen Wachstumsschubs zusammen, den die Kinder merken. Die Schmerzwahrnehmung wird klarer und damit auch das Gefühl für den Körper deutlicher. Der Körper wird bewusster eingesetzt. Das Kind konzentriert sich beim Laufen, Hüpfen, Klettern, Springen und Fahrradfahren stark auf seinen Körper. Diese jetzt intensive Körperwahrnehmung des Kindes erkennt man besonders an den Bildern, wo sich Kinder mit Bauch und Bauchnabel zeichnen. Das steht nicht im Widerspruch zur Beobachtung bei kleineren Kindern, die bereits sehr früh auf Nachfrage ihre Körperteile benennen können. Das abgefragte Wissen sagt noch nichts über das genaue Empfinden aus.

Bewusstes Farbmalen und Gefühlswahrnehmung

Jetzt beginnen die Kinder zum ersten Mal absichtsvoll mit unterschiedlichen Farben zu malen. Vorher richten sie sich nach dem Angebot und nehmen die Farben meistens wie sie kommen. An den Kopffüßler-Bildern sieht man das sehr gut. Die Bilder sind in ihrer ersten Form immer einfarbig gemalt, später mit dem Farbentdecken werden die Bilder dann differenzierter und farbig. Wenn die Kinder Farben zunehmend bewusst wahrnehmen, sind sie soweit, auch ihre Gefühle deutlicher zu empfinden. Das passiert beim Kind erst nach dem vierten Lebensjahr (Petermann 2001, Janke 2002), auch wenn es immer wieder Kinder gibt, die schon früher mit Farben und ihren Gefühlen bewusster umgehen.

Farbteppiche und die Entdeckung des Dreiecks und der Symmetrie 

Zwischen vier und fünf Jahren malen Kinder die sogenannten Musterbilder, auf denen farbige runde oder eckige Formen nebeneinander gesetzt werden. In der Folge werden die Blätter mit farbigen Stiften von den Ecken her vollgemalt. Das Kind benutzt die Spitze des Stiftes und setzt penibel eine Linie neben die andere. An solchen Bildern ist zu sehen, wie die Freude an der Farbe durch die meist harmonisch angeordneten Farbstreifen zum Ausdruck kommt. Auch eine andere wichtige Sache kommt bei diesen ‚Farbteppichen‘ zum Vorschein. Mit dem gezielten Malen von den Ecken des Blattes zur Mitte hin entdecken die Kinder jetzt das Drei-Eck! Das Vier-Eck, das schon bei den Leitermotiven erarbeitet wurde, taucht in der Mitte des Blattes wieder auf. Dort steht es jedoch auf der Spitze. Über das Malen dieser Farbteppiche nimmt das Kind auch deutlich die Symmetrie von Formen zur Kenntnis. Daraus entstehen dann Bilder, die eine Symmetrieachse aufweisen: Das Einteilen des Blattes in vier Felder, die als vollständiges Musterbild oder als einzelnes Fenster gestaltet werden. Dadurch erschaffen Kinder auch beim Zeichnen aus sich selbst heraus Ordnung und Rhythmus im Begreifen des Raumes. 

Das Faszinierende an dieser Zeichnungsentwicklung ist neben der Verdeutlichung des Selbsterkennens die Entdeckung der grundlegenden geometrischen Formen der Linie, des Kreises, des Kreuzes, des Vier-Ecks, des Drei-Ecks und der Symmetrie – und zwar ohne Belehrung von außen! Die Kinder, die nicht viel zeichnen, kommen über ihr Spiel mit konstruktivem Spielmaterial auch zu diesen Erkenntnissen. Nur bei ständigem Fernsehen in der frühen Entwicklung bleibt der natürliche Erwerb dieses Wissens auf der Strecke.

Die dritte Phase des Selbsterkennens in der Kinderzeichnung

Einsatz der bisher eroberten Formen und Farben bei der Selbstdarstellung 

Das neu erworbene Drei- und Vier-Eck und die Symmetrie tauchen jetzt in vielen Bildern auf. So wie das Kind seine Umwelt immer mehr entdeckt, fängt es jetzt an, Motive aus seinem Erleben und aus der Vorstellung aufzunehmen. Es zeichnet das Dach, Rock oder Hut und die Zacken in der Krone als Dreiecke; so wie es ihm gefällt. Das Haus wird ein zentrales Motiv, das für Geborgenheit und Schutz steht, der rauchende Schornstein verweist auf die Wärme im Haus und die Gemütlichkeit. Eines ist jedoch auf fast jedem Bild vorhanden: Das Kind selbst. 

Darstellung von Vorstellungen über sich selbst in der Welt - Jungen und Mädchen haben andere Vorstellungen

Die Zeichnungen der Kinder sind jetzt meistens schön ausgestaltet über das ganze Blatt hinweg, der Himmel ist vorhanden und die Erde, auf der die Figuren fest stehen; Häuser und Bäume fehlen selten. In solche Bilder zeichnet sich das Kind nun selbst nach seinen eigenen Vorstellungen. Diese bestimmen jetzt auch sein Denken. Nach der intensiven Phase der Beschäftigung mit sich selbst beginnt das Kind im Alter zwischen fünf und sechs Jahren sich zum ersten Mal von außen zu betrachten, sich also mit den Blicken der anderen zu sehen. Dies ist an der Kinderzeichnung zu erkennen, wenn Kinder versuchen sich so zu zeichnen, wie sie gern sein möchten. Jungen zeichnen sich entwicklungsbedingt häufig mit Schwertern oder anderen Machtinstrumenten (Butzmann 2020, S. 164) oder sie malen Autos, Schiffe oder Maschinen, wo sie selbst irgendwo als kleine Figur auftauchen. Mädchen achten häufig auf schöne Kleidung und lange Haare, sie malen sich zusammen mit Haus, Bäumen, Blumen und Tieren. Durch die Sicht auf sich selbst mit den Blicken der anderen erfährt sich das Kind als Objekt eigener und fremder Beobachtung, was zu einem neuen Stadium des Selbstbewusstseins führt. Es denkt zum ersten Mal zusammenhängend über sich nach. Es bringt seine bisherigen Erfahrungen über seine eigenen Fähigkeiten (Körperbeherrschung, soziales und kognitives Wissen, Gefühlsregulierung) zusammen und erhält einen ersten Eindruck von sich selbst als Person. Erst zu diesem Zeitpunkt kann vom Selbstbewusstsein des Kindes gesprochen werden (vgl. Butzmann 2011, S. 39).

Die neu entdeckte Welt des Kindes in der Zeichnung

Zunehmend werden nun vom Kind Zusammenhänge erkannt, weil die konkret-logische Denkweise (vgl. Piaget 1984, S. 157) sich gegenüber der transduktiven durchsetzt. In der Zeichnung zeigt sich dies darin, dass Funktionen ersonnen, Maschinen gezeichnet, erlebte oder vorgestellte Szenen so gut es geht realistisch dargestellt werden. Das Kind kann sich deutlich über einen Inhalt aussprechen und zu verschiedenen Darstellungen äußern. Es steht seinen gezeichneten oder bezeichneten Darstellungen der Welt nun distanzierter und kritischer gegenüber und kommt so immer mehr zu sich selbst. Damit erreicht es die dritte Stufe des Selbsterkennens, die mit der Schulreife zusammenfällt. Der Gestaltwandel wird vollzogen und der Zahnwechsel ist im Gange. Das Kind hinterlässt jetzt kaum noch Spuren der Entwicklung in seinen Zeichnungen. Es plant, was es machen will, es kann sich die Dinge und Situationen nun deutlich vorstellen und bringt sie auf das Papier.

Wie können Erziehende die Kinder beim Erspüren ihrer inneren Prozesse über die Zeichnung unterstützen

Von Beginn an ist es notwendig, das Kind ohne zu Drängen zeichnen zu lassen. Es bedarf lediglich Papier, einen Stift (erst später sind mehrere Stifte sinnvoll) und einen ruhigen Ort, zu dem das Kind laufen kann, wenn es Lust empfindet, zu malen. Durch den Nachahmungsantrieb versuchen die Kinder sehr bald, das zu machen, was sie bei den Eltern, Geschwistern oder Gleichaltrigen sehen.

Wenn Kinder nach ihrem Entwicklungstempo malen dürfen, haben sie damit eine zusätzliche Möglichkeit, Erfahrungen für ihr weiteres Leben zu sammeln. Sie haben dann vielfach die eigene Stimmung gespürt, Selbstwirksamkeit erfahren, Kenntnisse über Formen und Farben erworben, ihre Ichentwicklung begleitet und viel Freude und Zustimmung empfunden. Deshalb ist es so wichtig, genügend Zeit und Ruhe für diese Aktivitäten zu schaffen. Erwachsene sollten diesen Prozess nur begleiten und in den ersten vier bis fünf Jahren möglichst keinen Einfluss nehmen, sondern nur schauen und sich über die Zeichnungen freuen. Ab vier Jahre, wenn die Kinder sich bewusst in der Zeichnung darstellen, können Fragen helfen, sich selbst besser zu verstehen. Wenn Erziehende die Bedeutung der Kinderzeichnung für die Entwicklung des Kindes verstehen, ist es eher möglich, förderlich mit den Aufmerksamkeitswünschen der Kinder über die Bilder umzugehen. 

Literaturquellen:
Butzmann, Erika (2020): Sozial-kognitive Entwicklungstheorien und Erziehung. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Butzmann, Erika (2011): Elternkompetenzen stärken. Bausteine für Elternkurse. München: Reinhardt-Verlag.
Costantini, Margret (2006): Kinderzeichnungen. In: Erziehungskunst 12, S. 1281-1288.
Gier, Renate (2004): Die Bildsprache der ersten Jahre verstehen. München: Kösel-Verlag
Janke, Bettina (2002): Entwicklung des Emotionswissens bei Kindern. Göttingen: Hogrefe-Verlag.
Jenni, Oskar (2013): Wie Kinder die Welt abbilden – und was man daraus folgern kann. Pädiatrie up2date 227-253, Stuttgart: Thieme-Verlag.
Petermann, Franz (2001): Entwicklung emotionaler Kompetenz in den ersten sechs Lebensjahren. In: Kindheit und Entwicklung, Heft 10, S. 189-200.
Piaget, Jean (1974): Theorien und Methoden der modernen Erziehung. Frankfurt: Fischer
Piaget, Jean (1981): Urteil und Denkprozess beim Kind. Frankfurt: Ullstein-Verlag.
Piaget, Jean (1983): Sprechen und Denken des Kindes. Frankfurt: Ullstein-Verlag.
Piaget, Jean (1984): Psychologie der Intelligenz. Stuttgart: Klett-Cotta. 
Roth, Gerhard (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Frankfurt: Suhrkamp-Verlag. 
Stern, Arno (2012): Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll. München: Zabert und Sandmann-Verlag (ZS-Verlag).
 
Hinweis: Dieser Artikel ist in gekürzter Form und ohne Bilder in der Fachzeitschrift klein&groß 06/2018 erschienen

 

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